Von:
Barbara Eberhardt

e-bruder.de

Brüder knuffen sich und nehmen sich gegenseitig das Spielzeug weg, sie raufen und schreien sich an - und trotzdem kommen sie früher oder später wieder zusammen, umarmen sich, gehen zusammen auf Tour und sind gemeinsam unausstehlich. Solange sie noch Kinder sind. Wenn Brüder erwachsen werden, dann kann sich das ändern. Manche Brüder fühlen sich ein Leben lang verbunden, freuen sich füreinander und helfen einander in der Not. Andere können einander nicht ausstehen und gehen getrennte Wege. Viele leben irgendwo dazwischen.

Die Bibel kennt konfliktreiche Brudergeschichten: Die Zwillinge Esau und Jakob zum Beispiel rangelten bereits im Mutterleib miteinander. Esau setzte sich durch und wurde der Erstgeborene. Dafür trickste ihn Jakob später aus. Esau war wütend. Jakob floh. Eine Versöhnung nach vielen Jahren war halbherzig. Und so sahen sich die beiden Brüder erst bei der Beerdigung ihres Vaters wieder.

Auch Judentum und Christentum sind zwei ungleiche Brüder. In der Kindheit noch in vielem ein Herz und eine Seele folgten erbitterte Streitigkeiten in der Jugend mit dem Resultat, dass man getrennte Wege ging. Beschämend war, wie der mächtigere Bruder, das Christentum, später den weniger einflussreichen, das Judentum, drangsalierte und dabei auch gewalttätig wurde. Erst als die NS-Diktatur versuchte, das jüdische Volk völlig auszulöschen, wurde der christliche Bruder sich langsam, viel zu langsam seiner Verantwortung bewusst und hörte die fragende Stimme Gottes: „Wo ist dein Bruder Abel?“

Seit 1952 veranstalten die Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit jedes Jahr im März die Woche der Brüderlichkeit. Juden, evangelische und katholische Christen zeigen sich dabei als Geschwister, die sich gemeinsam für die Rechte aller Menschen auf Leben und Freiheit ohne Unterschied des Glaubens, der Herkunft oder des Geschlechts einsetzen.

Und die Schwestern? „Nennt uns nicht Brüder!“ war der Titel eines Sammelbandes aus dem Jahr 1985. In den Beiträgen forderten evangelische und katholische Frauen aus sechs verschiedenen Ländern Reformen in ihren Kirchen. Dabei wurden unter anderem althergebrachte kirchliche Sprachformen kritisiert. Wenn Geschwister gemeint sind – warum ist dann die Rede nur von Brüdern?